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© Mittelland Zeitung ; 02.03.2005

Verdingkind wie zu Gotthelfs Zeiten

aarau Gegen Gleichgültigkeit und Vergessen thematisierte das Forum für Zeitzeugen «Verdingkinder».

Das Interesse an den Verdingkindern in der Schweiz ist gross. Das zeigte sich beim Vortrag von Hans Fiechter im «Forum für Zeitzeugen» in Aarau.

In der gut besuchten Aula der Alten Kantonsschule erfuhren die Zuhörerinnen und Zuhörer von der unvorstellbaren Not, vom Leiden und von den Demütigungen der Verdingkinder. 12 000 waren es in den 30er-Jahren im Kanton Bern, 50 000 damals schweizweit. Einige der Anwesenden hatten einen sehr persönlichen Bezug zum Thema: War doch der Vater oder die Mutter selbst Verdingkind gewesen.

Hans Fiechter fiel es nicht leicht, seine eigene Lebensgeschichte öffentlich vorzutragen, doch er tats; er möchte ein Sprachrohr sein für alle ehemaligen Verdingkinder, die nicht sprechen können, nicht wollen oder sich nicht trauen. Im Oberemmental geboren, wurde er mit sechs Jahren auf Anweisung der Behörden verdingt. Seine Eltern, selbst ehemals Verdingkinder, konnten die Kinder nicht mehr durchbringen. Später sollten noch vier weitere Geschwister sein Los als «Güterbub» teilen. Der Abschied von der Familie fiel schwer. Es habe ihn fast zerrissen, erinnerte sich Hans Fiechter.

Die Zeit bei seiner ersten Bauernfamilie war ein Albtraum. Es sei wie zu Zeiten Gotthelfs gewesen, erzählte er und untermalte sein Erleben mit bewegenden Zitaten aus Gotthelfs «Bauernspiegel». Erinnerungen aus seiner Kindheit, für die Fiechter das Zitat suchte, da er sie vielleicht nicht über die Lippen bringen konnte. Die Lehrerin in der Primarschule hatte ein Herz für ihn. Sie liess ihn oft schlafen, wenn er erschöpft und übermüdet von der Arbeit auf der Bank lag. Ein Zufall wollte es, dass sich der Schüler und die ehemalige, heute über 90-jährige Lehrerin vor einem Jahr wiedersahen.

Weggeschaut und geschwiegen

Fiechter musste bis zum Austritt aus der Schule noch zweimal die Bauernfamilie wechseln; er wollte zu seiner Familie zurück, doch er habe ausharren müssen, da man kein Geld hatte, um ihn zurückzukaufen. Armenfürsorger und Lehrer hätten gewusst, wie man ihn am Hof behandelt habe. Doch alle haben weggeschaut, geschwiegen. Sie hätten es sich nicht verderben wollen.

Erst als Hans Fiechter Knecht wurde und zu einem kinderlosen Paar kam, ändert sich sein Leben. Er sei dort wie das eigene Kind behandelt worden. Mit ihrer Hilfe habe er schliesslich ein Theologiestudium in St. Chrischona absolvieren können. 1961 wanderte er zusammen mit seiner Familie nach Kanada aus, arbeitete in verschiedenen Berufen und baute eine Gemeinde auf.

Nach seiner Rückkehr in die Schweiz wirkte er bis zu seiner Pensionierung in der Bernischen Landeskirche. In der angeregten Diskussion brachte Hans Fiechter zum Ausdruck, dass er mit seinem Schicksal versöhnt sei. Je mehr er über seine Zeit als Verdingkind spreche, desto freier werde er. Man wünscht Herrn Fiechter noch viele Gelegenheiten dazu.

Verdingkinder trugen oft ein schweres Los. Die Lebensgeschichte von Hans Fiechter berührte das Publikum im Forum für Zeitzeugen .