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© Aargauer Zeitung ; 30.06.2001

Veteranin der Frauenbewegung

Aarau - Martha Gosteli berichtete im Forum für Zeitzeugen über ihre Erfahrungen

In diesem Jahr feiert die Schweizer Frauenbewegung drei Jubiläen: 30 Jahre Frauenstimmrecht, 20 Jahre verfassungsmässig verankerte Gleichstellung und 10 Jahre Frauenstreik.

Vergessene Geschichte» heisst die über 1000-seitige, reich bebilderte Dokumentation, die Martha Gosteli vergangenes Jahr herausgegeben hat. Wichtige Etappen dieser Frauenbewegung hat die 1917 in Worblaufen bei Bern Geborene selber an vorderster Front miterlebt und -gestaltet. Am Freitagabend berichtete sie im Rahmen des Forums für Zeit-Zeugen/Gegen Gleichgültigkeit und Vergessen in der Aula der Alten Kantonsschule über ihr Leben, ihre Erfahrungen und die Kämpfe, in die sie verwickelt war.

Vom Gerechtigkeitssinn geprägt

Aufgewachsen auf dem elterlichen Bauernhof, prägten sie das Interesse ihrer Mutter für soziale Fragen und deren Gerechtigkeitssinn. Vorbild waren ihr auch ihre Lehrerinnen. Während der Kriegsjahre tat sie Dienst in der Abteilung Presse und Funkspruch der Armee. Als Ende der Fünfzigerjahre der Vater starb, übernahm sie zusammen mit Mutter und Schwester die Verwaltung des grossen Hofes. Dies bedeutete, sich in einer von Männer dominierten Welt durchsetzen zu müssen. Sie wurde Mitglied des Frauenstimmrechtsvereins Bern. Von 1964 bis 1968 präsidierte sie diesen mit 1250 Mitgliedern grössten Verein der Stadt Bern. Eindrücklich schilderte sie die Problematik der damaligen Frauenbewegung: Im Gegensatz zu anderen Ländern, deren Frauenstimmrecht meist von oben dekretiert war, musste die Einführung in der Schweiz auf demokratischem Wege errungen, also die Männer und ihre Stimme mussten gewonnen werden. «Wäre dies in anderen Ländern auch der Fall gewesen, hätten vielen von ihnen vermutlich noch heute kein Frauenstimmrecht.»

Jedem konfrontativen Vorgehen war mit dieser Ausgangslage Erfolglosigkeit beschieden. Gefordert waren stattdessen stete Überzeugungs- und Basisarbeit, zum Beispiel in Form staatsbürgerlicher Schulung.

Unermüdlich vorangehen

56 Abstimmungen seien in der Schweiz auf allen politischen Ebenen zur Frauenstimmrechtsfrage durchgeführt worden - in den allermeisten Fällen mit einem negativen Ergebnis. Angesichts dieser Tatsache sei der Frauenbewegung ihre strikte Verpflichtung auf den demokratischen Weg zur Durchsetzung ihrer Anliegen nicht hoch genug anzurechnen. Es sei der Respekt vor der Demokratie gewesen, meint Martha Gosteli.

Der Weg der unermüdlichen Aktivität führte sie schliesslich in den Vorstand und das Vizepräsidium des BSF, des Bunds Schweizer Frauenorganisationen. Mit der Vertretung von rund 400 000 Frauen stellte diese Dachorganisation in der Zeit der Nichtrepräsentation der Frauen auf der politischen Bühne das einflussreichste Gremium für Frauenanligen dar. Dies hiess vor allem ausserparlamentarische (erfolgreiche) Kommissionsarbeit und internationale Vernetzung. Der grosse Einsatz der Frauen wurde bei der zweiten eidgenössischen Abstimmung zum Wahlrecht 1971 mit 66 Prozent Ja-Stimmen belohnt. Angesichts des damaligen Erfolges sieht Gosteli in der kürzlich erfolgten Ablehnung der Mutterschaftsversicherung - mit den Stimmen der Frauen - ein Symptom für die Versäumnisse der derzeitigen Frauenbewegung. Sie habe sich zu sehr auf die politisch-rechtliche Ebene verlegt, Basisarbeit vernachlässigt und teilweise auch mit einer gewissen Aggressivität der Sache mehr geschadet als genützt. Worauf es ankomme, sei das Denken in den Köpfen der Menschen zu verändern und so letztlich die gesamte Erziehung.

Archiv für die Frauenbewegung

Als man beim BSF dann in den 80er- Jahren beschloss, die gesammelten Akten auszumisten, entschloss sie sich in ihrer zupackenden Art, ein Archiv für die Geschichte der Frauenbewegung aufzubauen und gründete die Gosteli-Stiftung. So entstand in ihrem Elternhaus im Laufe der Jahre ein Archiv, das seinesgleichen sucht. Die Archivalien der meisten Schweizer Frauenverbände, viele Nachlässe bedeutender Schweizer Frauen und unzählige Publikationen zum Thema werden noch heute von ihr persönlich zusammen mit zwei Mitarbeiterinnen betreut. Man glaubt es der heute 84-Jährigen nach ihren fesselnden Ausführungen an diesem Abend kaum, wenn sie von Kürzertreten spricht. Zu deutlich waren in ihren Erzählungen noch die Begeisterung und das Feuer für die Sache an diesem gelungenen Abend zu spüren.