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© Aargauer Zeitung / MLZ; 17.09.2003; Seite 2 Ereignisse um den 17. Juni 1953 in einstigen DDR-Städten FORUM FÜR ZEIT-ZEUGEN · Film «Agenten, Faschisten und Provokateure» mit anschliessendem Erlebnisbericht eines Betroffenen Der Berliner Regisseur Dirk Jungnickel stellte im Rahmen des Forums für Zeit-Zeugen in Aarau seinen Film «Agenten, Faschisten und Provokateure» vor. Der Film ist der fünfte Teil einer umfangreichen Dokumentation über Schicksale von Frauen und Männern, die unschuldig in der DDR in die Fänge des NKWD und die Mühlen der DDR-Justiz gerieten. Er thematisiert die Ereignisse um den 17. Juni 1953 in den Städten Görlitz, Leipzig, Jena und Magdeburg. Anwesend an der Veranstaltung in Aarau waren auch Walter Schöbe und seine Frau, die als Zeitzeugen im Film mitwirken. Die zu Wort kommenden Personen berichteten über ihre Motive, die sie veranlassten, sich am Aufstand zu beteiligen, sowie ihre anschliessende Verhaftung und Unterbringung in DDR-Zuchthäusern. Günther Assmann schilderte seine Beteiligung an der Befreiung der Frauen aus dem Görlitzer Frauengefängnis sowie seine Leidenszeit im Gefängnis in Bautzen. Walter Schöbe wurde in Leipzig wegen seiner Mitgliedschaft bei der Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit zu 15 Jahren verurteilt. Ein weiterer Zeitzeuge, der damals 16-jährige Waldemar Arff, wurde zu 21 Monaten verurteilt, weil er eine Bleistiftspitzmaschine von der Strasse aufgehoben hat. Noch heute sichtlich bewegt schilderte die Witwe von Herbert Stauch das schreckliche Schicksal ihres Mannes, der als Delegierter der Demonstranten am 18. Juni in Magdeburg als Rädelsführer von den Sowjets zum Tode verurteilt und am gleichen Tag von der Volkspolizei hingerichtet wurde. Wie der Regisseur erklärte, soll der Film ein Beitrag zur zeitgeschichtlichen Forschung und politischen Bildung sein. Jungnickel möchte Geschichte transparent machen und über die rote Diktatur aufklären, denn für ihn bedeutet Geschichtslosigkeit eine grosse Gefahr für die Demokratie. In der anschliessenden Diskussion hob Walter Schöbe hervor, dass es ihn freut, dass erstmals in der Geschichte des 17. Juni in den Medien ausführlich über die damaligen Ereignisse berichtet wurde. Die Bedeutung des 17. Juni könne gar nicht hoch genug gewertet werden. Es sei die erste Revolution nach dem Zweiten Weltkrieg in Europa gewesen, der Funke für den Ungarn-Aufstand 1956, für Prag 1968 und später für Solidarnosc in Polen. Seine Generation war gezeichnet von den schrecklichen Ereignissen des Zweiten Weltkrieges und der Hitlerdiktatur. Man suchte Wege des Vergessens und gleichzeitig der Wachsamkeit. Walter Schöbe machte auch auf den Studentischen Widerstand in der DDR aufmerksam, der im Vergleich zur Hitler-Diktatur viel stärker gewesen sei. Rund. 2000 Personen wurden aufgrund ihres Widersetzens in Gefängnisse gebracht oder nach Sibirien deportiert. Sie verschwanden einfach. Keiner habe sich für sie eingesetzt. Auch nicht im Westen. Anfang der 50er-Jahre habe sich die Situation mehr und mehr zugespitzt. Jeder, der Kritik äusserte, wurde verhaftet, verschleppt; ein Prozess fand nicht statt. Die Lage war unerträglich, sehr viele Menschen flüchteten. In allen Städten gab es riesige Demonstrationen. Man hoffte auf einen Umschwung. Nur mit russischen Panzern konnte letztlich der Widerstand niedergeschlagen werden. Man wagte über Jahre hinweg nicht sich zu widersetzen. Erst der Prager Frühling 1968 setzte ein neues Zeichen. Er sei kein Held gewesen, kein Einzelfall, sondern habe das Schicksal von Tausenden geteilt, die in Zuchthäusern sassen, hielt Walter Schöbe fest. Auch seine Frau sass fünf Jahre in Haft; ihr wurde vorgeworfen, ihren Mann nicht angezeigt zu haben. Sie sahen sich während der ganzen Haftzeit nie, lediglich ein Brief mit zehn Zeilen sei ihnen erlaubt gewesen. Gerade die Frauen litten besonders in den Gefängnissen. Viele waren Mütter, hatten ihre Kinder draussen. Oftmals befanden sich 45 Frauen in einer Zelle, es gab lediglich 2 Toiletten, 2 Waschbecken. Sie mussten in drei Schichten arbeiten. Für Walter Schöbe ist es heute noch unfassbar, dass all dies mitten in Europa geschehen konnte. In einem Staat, der umgeben war von Demokratien, in einer Zeit, in der die Schrecken des Zweiten Weltkrieges den Menschen noch im Gesicht geschrieben waren.
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