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Zürcher Zeitung, 23.10.2004, Nr. 248, S. 54
Zürich und Region mha
Elisabeth und Andreas Petersen gehören zu den wenigen in der Schweiz, die das Schicksal der tschetschenischen Bevölkerung seit längerem durch regelmässige Besuche aus der Nähe verfolgen. Im Namen des Vereins Forum für Zeit-Zeugen realisiert das in Zürich wohnhafte Paar humanitäre Hilfsprojekte. mha. "Tschetschenien ist tragischerweise erst durch das Geiseldrama von Beslan wieder ins öffentliche Bewusstsein zurückgekehrt. Das tägliche Morden ist kein Thema, das die Welt bewegt, weder in den Medien noch in der Politik", sagt Elisabeth Petersen. Sie reist seit 2001 regelmässig in die abtrünnige russische Republik. Mit ihrem Mann Andreas Petersen, einem Historiker und Kantonsschullehrer, ist die Juristin und Berufsschullehrerin eine der wenigen Augenzeugen aus dem Ausland, welche die katastrophalen Auswirkungen des Krieges auf die Zivilbevölkerung seit längerem aus der Nähe verfolgen. Gegen Gleichgültigkeit und Vergessen Bei einem Gespräch
in ihrer Wohnung im Zürcher Irchelquartier zeigt Elisabeth Petersen
Fotos ihrer letzten Tschetschenien-Reise im Mai: von den noch immer
völlig zerbombten Häuserzeilen in Grosny, von ausgedienten
Fabriken, Kuh- und Hühnerställen im benachbarten Inguschetien,
in denen sich Tausende von tschetschenischen Flüchtlingen eingerichtet
haben, und von Kindern eines Waisenhauses, für das die Petersens
vor drei Jahren Kühlschränke und Waschmaschinen gekauft und
zwei Lehrerinnen finanziert hatten. Dass das Engagement für Tschetschenien
ihre Freizeit bald völlig beanspruchen würde, ahnten sie auf
ihrer damaligen ersten Reise in den Nordkaukasus nicht. Seither berichtet
Elisabeth Petersen immer wieder in Vorträgen an Schulen, Lehrerweiterbildungen
und eigens organisierten Veranstaltungen über ihre Begegnungen
mit der tschetschenischen Bevölkerung. Die Menschen dort hätten
sich daran gewöhnt, dass ihr Land als rechtsfreier Raum funktioniere.
Es sei sinnlos, in Tschetschenien über Menschenrechte reden zu
wollen, stellt sie nüchtern fest. Bildungsarbeit steht im Vordergrund "Wir überdenken
immer wieder, was auf langfristige Sicht sinnvolle humanitäre Hilfe
ist", sagt Elisabeth Petersen, die als Kind schlesischer Flüchtlingseltern
in Bayern selbst erfahren hat, was Entwurzelung und Ausgrenzung sind.
Am meisten Sorgen mache ihr die Jugend, die aufgrund ihrer Ungebildetheit
auch besonders anfällig für den wachsenden religiösen
Fanatismus sei. Projekte im Bildungsbereich stünden daher im Vordergrund.
In Zusammenarbeit mit Lipchan Basajewa, die in Grosny bis zu Kriegsbeginn
eine Professur für Philologie innehatte, haben die Petersens zwei
Bibliotheken in Grosny und eine in Schatoi eingerichtet und je ein Nähatelier
in Grosny und Moskau. Die zwölf Nähmaschinen, mit denen nun
junge Frauen angelernt werden, transportierten sie teilweise selbst
mit dem Flugzeug, teilweise mittels Botschaftsleuten, um möglichst
wenig Kosten zu verursachen. "Manche verfallen in Depressionen" Zurzeit investieren
die Petersens in die Berufsausbildung junger Männer, die kulturell
bedingt weit mehr Prestige zu verlieren hätten als die Frauen:
"Manche verfallen unter diesem Druck regelrecht in Depressionen."
Im letzten Frühling haben vier Jugendliche in Grosny eine Anlehre
als Automonteur begonnen. Um auch Ausbildungswerkstätten für
Schlosser und Schweisser einzurichten, wird Elisabeth Petersen für
ihren nächsten Besuch Schweissgeräte kaufen. Das Reisedatum
stehe nun, nach dem Geiseldrama, ganz offen. Die Grenzkontrollen seien
strenger als je zuvor, sagt sie. Bei einem Telefongespräch mit
Lipchan Basajewa hat sie soeben erfahren, dass in Nasran alle Internetcafés
geschlossen worden seien. |