„Flucht und Vertreibung am Ende des 2. Weltkrieges“

Frau Linda Reinprecht ist 1932 in Wolhynien im Nordwesten der heutigen Ukraine als ältestes von vier Kindern geboren. Ihre Familie lebte in einer deutschstämmigen Kolonie, die auf die Ansiedlungspolitik der Zarin Katharina der Grossen im 18. Jahrhundert zurückging. In ihrer Kindheit erlebte sie das Zusammenleben von Polen, Ukrainern, Deutschen und Juden. Noch während des Ersten Weltkrieges hatte ihr Grossvater in der zaristischen Armee gegen die Deutschen gekämpft, nachher wurde Wolhynien Polen zugesprochen, und die Reinprechts wurden polnische Staatsbürger. Als die sowjetische Armee 1939 im östlichen Teil Polens einmarschierte, begrüssten sie die Russen als Befreier. Angesichts der zu erwartenden Enteignung zog man aber ins Sudetenland und auf der Suche nach einem neuen Hof schliesslich in den von der deutschen Wehrmacht besetzten Teil Polens in die Nähe von Lodz. Ihre Mutter erkrankte schwer und starb 1943. Als gegen Kriegsende die sowjetischen Truppen heranrückten, wurde ihr Vater zum Volkssturm eingezogen. Der Zivilbevölkerung verbot man zu fliehen. Die Folge war ein völlig überstürzter Aufbruch in letzter Minute, bei dem die Dreizehnjährige von ihrer Familie getrennt wurde und sich mit ihrem jüngeren Bruder allein in Richtung Westen durchschlug. Auf der Flucht erfror sie fast und kam mehr tot als lebendig auf Militärlastwagen und in völlig überfüllten Zügen mit den Flüchtlingsströmen bis Frankfurt an der Oder. Hier erlebte sie Kriegsende und Einmarsch der sowjetischen Soldaten. Wenige Monate später verschlug es sie ins mecklenburgische Güstrow, wo sie bis 1950 blieb. Als dann alle polnischen Staatsangehörigen aus der inzwischen gegründeten DDR «zurück-»gesiedelt werden sollten, floh sie mit 18 Jahren nach Berlin und von dort mit dem Flugzeug nach Hamburg. Vor 40 Jahren kam sie in die Schweiz nach Muhen im Kanton Aargau, wo sie noch heute lebt.

Datum/Zeit: Donnerstag, 24. Januar 2002, 19.30 Uhr
Ort: Aula der Alten Kantonsschule Aarau, Bahnhofstrasse 91
Eintritt: Fr. 20.–/Fr. 10.– ermässigt

 
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