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© Aargauer Zeitung / MLZ; 16.04.2002; Seite 2

Gegen Gleichgültigkeit und Vergessen

AARAU · Ein ehemaliges Mitglied der «Weissen Rose» im Forum für Zeitzeugen

Franz J. Müller, Präsident der Stiftung «Weisse Rose», referierte im Forum für Zeitzeugen zum Thema «Gegen Gleichgültigkeit und Vergessen» in der voll besetzten Aula der Alten Kantonsschule Aarau.

Am 22. Februar 1943 wurden drei Mitglieder der studentischen Widerstandsgruppe «Weisse Rose», darunter Sophie und Hans Scholl, nach einem Urteil des nationalsozialistischen Volksgerichtshofes hingerichtet. Sie hatten in Flugblättern und mit Wandparolen zum Widerstand gegen das NS-Regime aufgerufen. Von den damaligen Mitgliedern, die zumeist aus der Jugendbewegung kamen, leben heute noch acht. Franz J. Müller, geboren 1924, gehörte der Ulmer Gruppe an. Er besuchte zusammen mit anderen aktiven Gegnern Hitlers das dortige altehrwürdige Gymnasium. Der humanistische Geist der Schule habe entscheidenden Einfluss auf ihn gehabt, führt Müller aus. Es sei miteinander geredet und diskutiert worden. Es herrschte nicht die Goebbelsche Diktion vor. «Wir wurden zum Nachdenken angeleitet.» Jede Diktatur lasse Lücken, man musste Auswege finden, wobei es auf Freundschaft und Verbundenheit ankam. Der Satz Platons «Unrecht zu erleiden, ist besser als Unrecht zu tun» wurde zur Maxime der Gruppe.

Der Widerstand

Zusammen mit anderen Klassenkameraden initiierte Müller eine Widerstandsgruppe in Ulm. Sie vervielfältigten und streuten im Oktober 1941 die Predigten des Bischofs Galen gegen die Ermordung von Geisteskranken. Bei der späteren Verteilung der Flugblätter der «Weissen Rose» übernahm Franz Müller die schwierige Aufgabe, Geld für das Porto aufzubringen. Die Jugendlichen arbeiteten Tag und Nacht, wobei ein sehr freundschaftlicher Geist zwischen ihnen geherrscht habe. Auf der Orgelempore der Martin-Luther-Kirche kuvertierten, adressierten und frankierten sie die Flugblattsendungen. Sie hörten ausländische Nachrichtensender, auch Radio Beromünster.

Durch Hans Scholl, Willi Graf und Alexander Schmorell, die während des Krieges im Sanitätswesen tätig waren, erfuhren sie von deren Erlebnissen an der Ostfront. Dies gab ihnen weiterhin Kraft zum Widerstand. Ausserdem konnten sie immer wieder beobachten, dass die Nazis Oberwasser bekamen, wenn man Angst zeigte. Zweifel am Widerstand sei ihnen nie gekommen. Damals habe Hitler den Krieg gewollt und dies eindeutig gesagt. Die Absichten des Regimes seien schnell zu durchschauen gewesen - wenn man dies gewollt hätte. Heute sei das anders. Man erhalte seine Informationen nur noch über Medien und sich ein wirkliches Bild zu machen, sei sehr schwer.

Die Zelle

Alle Hinrichtungen der Mitglieder der «Weissen Rose» fanden im Gefängnis München Stadelheim statt. Auch Franz Müller, der 1943 zu den Hauptangeklagten gehörte, wurde hier gefangen gehalten. Der 18-Jährige rechnete damals mit einem Todesurteil. Vor einigen Jahren besuchte er seine damalige Zelle und liess sich einschliessen. «Danach hatte ich ein gutes Gefühl, es war das Geheimnis, dass ich in dieser Zelle nicht unglücklich war. Die Gerechtigkeit war neben uns. Wir waren überzeugt, dass diejenigen, die uns die Freiheit rauben, zugrunde gehen werden.»

Verhaftung und Kriegsende

Müller erfuhr in Epinal, wo er als Soldat der Wehrmacht ausgebildet wurde, dass Sophie und Hans Scholl als «Volksverräter» hingerichtet worden waren. Sein Versuch, sich der Résistance anzuschliessen, misslang. Er wurde verhaftet und zu fünf Jahren Gefängnis wegen Verbreitung von «hochverräterischer Flugblattpropaganda» verurteilt.

Als dann nach einem guten Jahr amerikanische Panzer in München einfuhren, war er glücklich. Als Wiedergutmachung bekamen er und andere nach dem Krieg ein Angebote für Studienaufenthalte in den USA. «Deutschland lag in Trümmern, Nazis gab es noch überall, was wäre verlockender gewesen in dieser Situation.» Der Vater von Hans und Sophie Scholl, in der Zwischenzeit Oberbürgermeister von Ulm, bestellte die gerade frisch aus der Haft Entlassenen und meinte: «Ihr werdet bleiben, ihr könnt die Gräber eurer Freunde nicht verlassen.» - «Und das war richtig», fügt Müller hinzu. Seine selbst gewählte Aufgabe sei gewesen, den Mantel der Gleichgültigkeit zu zerreisssen, in den Seelen der Jugendlichen etwas zu bewegen.